Heise Online berichtet vom (bevorstehenden?) Revival der Audiokassette oder „Compact Cassette“, wie die Erfinder von Philips ihr Werk damals (1963) nannten. Band in neuer, kompakter Form, aber immer noch der Endgegner für Musikliebhaber damals wie heute – lange Umspulzeiten, Bandsalat, Gleichlaufschwankungen, schleichende Entmagnetisierung, Verkleben der Bandschichten, Durchkopiereffekte, klangverändernde Rauschunterdrückung, stark variierende Bandqualitäten, falsch eingestellte Vormagnetisierung bei der Aufnahme, falsch eingemessene Bandsorte, dejustierte und verdreckte Köpfe (Azimuth!), hart gewordene Andruckrollen und Antriebsriemen, fehlende Langzeitstabilität vor allem bei schwankenden Temperaturen…you name it.
Nach dem schon merkwürdigen, aber durch verschiedene menschlichte Eigenheiten zur Not erklärbaren Vinyl-Revival nun also die nächste Absurdität in der an Merkwürdigkeiten nicht armen Geschichte der Musikwiedergabe. Normal denkende Menschen wissen, dass mit der CD bezüglich Stereo-Wiedergabe eigentlich schon das perfekte Format erschaffen wurde, für das menschliche Hörvermögen mehr als ausreichend. Spätere Formate wie DVD-Audio und SACD verbesserten nur die technischen Parameter jenseits der Hörbarkeit. Erst mit den Audio-Aufnahmen im Mehrkanal-Format gab es wieder einen Fortschritt, aber zum Genuß dieser benötigt man natürlich eine ungleich aufwändigere Wiedergabekette.
Zurück zum Tape-Revival. Mitte der 80er gab es ja sehr gute Gründe für Tape-Gerätschaften: Autoradios hatten standardmäßig Kassettenabspieler intus, portable Wiedergabegeräte gab es praktisch nur für Tapes (der gute alte Walkman), und das beliebte Mitschneiden aus dem Radio oder das liebevolle Anfertigen von Mix-Tapes war nur mit diesem Format möglich. Die einzige Schwierigkeit war, das richtige Rauschunterdrückungssystem zu wählen, es gelang mir erst relativ spät, sowohl bei Tape-Deck als auch Autoradio als auch Walkman durchgehend Dolby C einsetzen zu können – klangtechnisch quasi „Peak Tape“, denn der nochmals verbesserte Nachfolger Dolby S aber auch die Außenseiterkonkurrenz wie dbx und High-Com gab es praktisch nur bei den stationären hochpreisigen Tape-Decks.
Die Versuche, die Compact Cassette durch Nachfolgesysteme wie DAT, DCC oder MiniDisc abzulösen, scheiterten. Am Preis, an der Kompatibilität, am „das Verbesserungsdelta ist nicht groß genug“. Am Ende gewann die CD-R(W), weil sie die verlustfreie 1:1-Kopie der Audio-CD ermöglichte bei gleichzeitig hoher Kopiergeschwindigkeit, niedrigen Medienpreisen und später der direkten Überführungsmöglichkeit in komprimierte Audioformate zum mobilen Musikgenuss. Bevor dann die Streaming-Revolution alles überrollte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich bin gespannt, inwieweit das Musikkassettenrevival an das Vinyl-Revival anknüpfen kann. Das Vinyl-Revival ist ja hauptsächlich so ein Sammler-Ding – Fans, die nicht mal einen Plattenspieler ihr Eigen nennen, kaufen die Taylor-Swift-Limited-Edition in farbigem Vinyl. Großes Cover, tolle Haptik, was zum in den Schrank stellen. Alles Dinge, die mit der Musikkassette eigentlich nicht funktionieren dürften. Aber solche schnöden rationalen Überlegungen haben selten einen echten Hype aufgehalten. Immerhin ist es bei Vinyl ja so, dass sehr gute Wiedergabegeräte wie die Technics Direkttriebler immer noch erhältlich sind, genau wie hochwertige Vorverstärker und Abtastsysteme. Bei Tape bekommt man ja nicht mal mehr vernünftige Leermedien in einer Qualität, die noch Mitte der 90er in jedem Supermarkt für kleines Geld erhältlich waren. Geschweige denn Qualitäts-Tapedecks vom Schlage eines Nakamichi Dragon, Akai GX-95 oder Sony TC-KA7ES. Sicherheitshalber nenne ich auch noch Pioneer, Revox, Onkyo, Kenwood, Technics…die jeweiligen Markenfans fochten damals Schlachten aus, die an vi vs. Emacs erinnern.
Wer ein amüsantes und gleichzeitig lehrreiches Video dazu schauen will: „The Cassette Revival – So wrong on so many levels“, aus derselben Serie gibt es das nicht weniger amüsante „The Vinyl Revival – So wrong on so many levels“