Nach vier Spieltagen der zweiten Bundesliga wage ich die Prognose: der VfB Stuttgart wird auf keinen Fall den direkten Wiederaufstieg schaffen, sondern sich eher im gesicherten Mittelfeld zwischen Platz 6 und 12 einsortieren.

Nach den ersten zwei Spielen war ich noch verhalten optimistisch – die Mannschaft war ja neu zusammengestellt, schon in der alten Zusammenstellung nicht gut eingespielt, konnte also nur besser werden. Und der neue Trainer kann ja – schaut man sich seine bisherigen Stationen an – auch kein Blinder sein. Klar, verloren in Düsseldorf, blöd – aber doch genug Chancen rausgespielt, um das Spiel locker zu gewinnen.

Dann kamen allerdings die Spiele 3 und 4, und es ist kein Fortschritt zu erkennen, was Spielidee, System, Sicherheit, Eingespieltheit usw. angeht. Ja, man muss von Rückschritt sprechen. Sogar von gewaltigem Rückschritt. Und das könnte auf ein Qualitätsproblem hindeuten. Oder ein Mentalitätsproblem. Oder ein Trainerproblem. Oder alles drei.

Auf was setzt der VfB-Fan seine Hoffnungen? Großkreutz wieder fit, Ginczek vielleicht demnächst auch wieder mit dabei. Vage Hoffnungen.

Portugal ist Fußball-Europameister geworden. Glückwunsch dazu. Es gibt mir Gelegenheit, noch ein paar weitere Fußballwahrheiten zu verkünden.

  • Jede Serie geht mal zu Ende – z.B. Deutschland gewinnt im Halbfinale gegen den Gastgeber, Frankreich gewinnt als Gastgeber das Finale, Deutschland gewinnt nicht gegen Italien, Portugal gewinnt nie einen Titel. Serien sind einfach nur Ausdruck der Normalverteilung bei vom Zufall beeinflussten Ereignissen – wie beispielsweise Fußballspielen im Rahmen eines Turnierformats.
  • Fußball ist nicht transitiv – nur weil Mannschaft A gegen Mannschaft B und Mannschaft B gegen Mannschaft C gewonnen hat, ist noch lange nicht sicher, dass Mannschaft A auch gegen Mannschaft C gewinnt.
  • Mannschaften haben oft Schlüsselspieler. Je mehr Schlüsselspieler sie haben, desto schwerer sind sie zu spielen. Es gibt Schlüsselspieler von derartiger Qualität, dass sie nie über 90 Minuten aus dem Spiel zu nehmen sind – Beispiele sind Müller (Thomas und Gerd), Messi, van Basten oder Bale. Von denen reicht oft auch einer, um Spiele zu entscheiden.
  • Fällt ein Schlüsselspieler aus, kann das oft kompensiert werden – manchmal ist das Spiel dann schwerer ausrechenbar. Fallen mehrere aus, endet das häufig in einer Niederlage. Selbiges gilt für Schlüsselspieler in der Formkrise.
  • Um zu entscheiden, ob absichtliches Handspiel vorliegt, muss man mindestens studiert haben.
  • Die Entscheidung eines Schiedsrichters, ob er für ein Foul oder eine Unsportlichkeit eine gelbe Karte gibt, gehört zu den willkürlichsten Tatsachenentscheidungen, die gleichzeitig aber innerhalb eines Turniers oder einer Saison entscheidende Bedeutung haben können.
  • Die Bedeutung von Standards wird immer noch unterschätzt. Aus dem Spiel heraus sind Torchancen viel schwieriger zu generieren, besonders natürlich von spielerisch schwächeren Teams. Und ja, auch Einwürfe können sehr gefährliche Standards sein, wenn man es genügend trainiert.

Immer bei großen Turnieren wie Welt- und Europameisterschaften schauen auch Menschen Fußball, die sonst maximal Zusammenfassungen in der Sportschau sehen. Mangels Erfahrung kommt es häufig vor, dass die Fußballzuschauanfänger diversen Irrtümern rund um den Sport mit dem runden Leder (auch wenn bekanntlich kein Leder mehr involviert ist) aufsitzen.

Hier ein paar Wahrheiten gestützt auf Jahrzehnte Erfahrung.

  • Die bessere Mannschaft gewinnt nur zu 60-80% das Spiel – Fußball zwischen qualitativ ähnlichen Mannschaften ist eine gesunde Mischung aus Glück und Zufall.
  • Experten können einen Spielausgang mit nur wenig höherer Wahrscheinlichkeit voraussagen als Laien.
  • Hinterher wissen es alle besser.
  • Zwei Halbzeiten können komplett gegensätzlich verlaufen.
  • Ein 2:0 ist noch lange keine Entscheidung, zumindest nicht wenn noch mehr als 20 Minuten zu spielen ist.
  • Wer mehr Verletzte zu beklagen hat, ist zwar tendenziell geschwächt, aber keineswegs chancenlos.
  • Ein Platzverweis ist nicht immer zum Nachteil der Mannschaft in Unterzahl.
  • Ein Elfmeterschießen ist zwar ein Glücksspiel, aber eher weniger als das Spiel selbst.
  • Die Qualität einer Mannschaft zeigt sich nur sehr langfristig (z.B. über mehrere Turniere hinweg), nicht aber notwendigerweise im einzelnen Spiel.
  • Wer auch immer die Reporterfloskel „er klärt zur Ecke“ benutzt, unterschätzt gravierend die Gefährlichkeit eines Eckballs.
  • Der Wert der richtigen Trainerstrategie wird meist überschätzt, was man schon daran erkennt, dass vorher keiner die Wirksamkeit einer Strategie mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig einordnen kann.
  • Während sich manche Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern bei langen Wettbewerben wie der Bundesliga ab und zu ausgleichen, ist das in KO-Runden von Turnieren, besonders ohne Hin- und Rückspiel, keineswegs der Fall.
  • Form schlägt Klasse.

Am Ende gilt: wer keine Tore macht, kann das Spiel nicht gewinnen.

Eine meiner intensivsten Fußballschauerinnerungen meiner Kindheit ist das Halbfinale Deutschland-Frankreich bei der WM 1982 in Spanien. 1:1 nach regulärer Spielzeit, die Franzosen gingen 3:1 in der Verlängerung in Führung – alle Mitschauer gaben zu diesem Zeitpunkt das Spiel verloren, aber ich hatte kurz zuvor das Buch zur WM 1970 gelesen und wusste von den irren Verläufen von legendären Fußballspielen wie dem 3:2 gegen England im Viertelfinale und dem 3:4 gegen Italien, dass noch nix verloren war. OK, etwas kindliche Naivität gepaart mit Optimismus war schon dabei.

Und die deutsche Mannschaft schaffte noch das 3:3 unter anderem durch einen Fallrückzieher von Klaus Fischer. Ganz großes Kino. Dann Elfmeterschießen – Uli Stielike vergibt, aber Schumacher hält zwei der Franzosen, und Horst Hrubesch macht den entscheidenden Elfer rein.

Wegen all dieser historischen Begegnungen übrigens fand ich die Idee des „Golden Goal“ in der Verlängerung immer komplett schwachsinnig.

Heute also Viertelfinale gegen Italien. Das Auf und Ab in den 11 Minuten des Elfmeterschießens war schlimmer als die letzten 3 Jahre Abstiegskampf des VfB. Aber eben mit dem guten Ausgang für „uns“. An den Italien-Fluch habe ich eh nie geglaubt, denn im Gegensatz zu vielen anderen habe ich lebhafte Erinnerungen an die Vorrunde der EM 1996, als Andi Köpke in seinem persönlichen Jahrhundertspiel alles hielt, was die Italiener aufs deutsche Tor schossen (inklusive einem Elfmeter), so das 0:0 sicherte und Italien damit ausgeschieden war.

Jetzt noch zwei Siege gegen Island und gegen Portugal, dann haben wir den Titel :-)

Nein, dieser Blog-Post kommt nicht deshalb so spät, weil ich so lange den Schmerz verarbeiten musste. Tatsächlich hat mich der Abstieg des VfB emotional relativ kalt gelassen, vermutlich weil er hochverdient war – so viel Gurkengekicke wie am Ende der Saison hat man selten gesehen. Bei uns läuft das unter dem Label „schlimmer als damals bei Trapattoni“.

Mein Unkenruf vor dem Beginn der Saison war also leider allzu berechtigt – obwohl es ja zwischendurch aussah, wie wenn der VfB noch die oberen Tabellenplätze, vielleicht gar die CL-Qualifikation erreichen könnte. Aber es war eben nur ein Zwischenhoch, das letztlich die Saat des Abstiegs in sich trug. Und nachdem sich die zwischenzeitlich von mir auserkorenen Abstiegskandidaten plötzlich entschieden, auch mal ein paar Spiele zu gewinnen, war der Abstieg letztlich nicht vermeidbar angesichts der gezeigten Leistungen.

Dreimal mit einem blauen Auge davon gekommen, beim vierten Mal hat es uns erwischt. Egal, ich memoriere derweil die Anstoßzeiten der zweiten Liga. Freitag 18.30h, Samstag 13.00h, Sonntag 13.30h, Montag 20.15h…und vielleicht gibt es dann ja wieder ein paar Siege zu sehen.

Wer die Berichterstattung über die Vorbereitung des VfB Stuttgart verfolgt und Sympathien für den Verein hegt, muss alarmiert sein. Alle Signale weisen darauf hin, dass wir erneut vor einer ganz schwierigen Saison stehen.

Der Trainer lobt die Mannschaft. Die Mannschaft lobt den Trainer. Alle loben die Vorbereitung. Alles ist superharmonisch. Man ist zufrieden mit den Neuzugängen. Und außerdem haben die letzten drei gewonnenen Spiele in der abgelaufenen Saison ja das wahre Gesicht der Mannschaft gezeigt. Jetzt auch noch der 4:2-Sieg gegen Manchester City, mit einer stellenweise großartigen Offensivleistung.

Wer sich noch an die Formel 1-Zeit zurück erinnert, als David Coulthard mit Mika Hakkinen für McLaren-Mercedes gefahren ist, wird verstehen was ich meine. Vor der Saison hat sich David Coulthard auch immer für den Top-Favoriten gehalten und die Vorbereitung und das Auto über den grünen Klee gelobt. Die gute Stimmung währte nur bis zum ersten Rennen. Am Ende war er aber immer mindestens hinter seinem Teamkollegen.

Und so befürchte ich nun den „Coulthard-Effekt“ beim VfB. Der Konsens und das gegenseitige Schulterklopfen vernebeln die Sinne. Das böse Erwachen, der Reality Check, kommt am ersten Spieltag.

Anpfiff 15.30h. Frühes Gegentor. Schon wieder. Nervenzerfetzende Spannung. Alle anderen spielen wieder gegen uns. Wieder werden zig Chancen vergeben. Immerhin der Ausgleich noch vor der Pause. Es wird immer klarer, dass nur ein Sieg das rettende Ufer bringt. Und wieder werden beste Chancen vergeben – hüben wie drüben, aber eher hüben. Dann Minute 72 – jetzt hinten dicht, und der Klassenerhalt ist gesichert. Aber wann war in dieser Saison schon mal hinten dicht? Zittern bis zur letzten Minute. Schlusspfiff. Erlösung.

Am Ende ist alles wie letzte Saison: VfB gerettet, HSV in die Relegation. Noch so eine Saison werde ich nervlich wohl nicht durchstehen. Das habe ich aber auch schon letzte Saison gesagt.

Gerade habe ich versucht, als Unbeteiligter (jetzt rein fan- und sympathietechnisch) auf Sky das Spiel Eintracht Frankfurt gegen Werder Bremen zu genießen. An den Beteiligten auf dem Spielfeld lag es nicht – ein sehr unterhaltsames 5:2 – dass das nicht mal im Ansatz gelang.

Nein, mein Lieblingskommentator Fritz von Thurn und Taxis hat mal wieder den Genuss empfindlich gestört. Es gibt wohl keinen anderen Kommentator, der derart häufig derart unqualifiziert das Spiel totquatscht. Dass er nur selten Spieler auf Anhieb beim richtigen Namen zu nennen vermag ist da noch das kleinere Problem. Dazwischen erfreut er uns regelmäßig mit kreativen Komposita, heute war es „Binsenwahrheit“. Wobei das immerhin laut Duden ein echtes Wort ist.

Absolut unerträglich. Und ich muss ihn leider oft ertragen, den Fritz, da er aus mir unerfindlichen Gründen von Sky gerne bei VfB-Spielen eingesetzt wird. Immerhin bietet Sky einen Tonkanal an, wo niemand kommentiert – ich wette, intern wird der „Anti-Fritz-Kanal“ genannt.

Fritz von Thurn und Taxis hat sich den letzten Platz auf meiner Kommentatoren-Hitliste redlich verdient. Und ich meine wirklich „Kommentatoren“, nicht etwa „Fußballkommentatoren“ oder „Sportkommentatoren“. Und da gibt es wahrlich große Konkurrenz um die hinteren Plätze – wer sich mal Leichtathletik von Wolf-Dieter Poschmann versauen hat lassen, weiß, wovon ich rede.

5 Minuten Googeln bringt immerhin ans Licht, dass ich mit meiner Abneigung nicht völlig allein auf dieser Welt bin. Ist es nicht tröstlich, wenn andere den eigenen Schmerz teilen?