Früher – ich erinnere mich an eines meiner ersten Konzerte Anfang der 90er, Simple Minds mit OMD als Vorgruppe (heute neudeutsch „Support Act“ oder „Special Guests“ genannt) – habe ich „solche Leute“ noch für völlig verrückt gehalten: Menschen, die ein Konzert wegen der Vorgruppe und nicht wegen des „Main Acts“ besucht haben. Voller Preis für vielleicht 45min Musik? Das ist doch nicht normal. Maximal wenn man die Hauptgruppe auch sehr gut findet und vielleicht die Vorgruppe den Ausschlag gibt, dann doch mal ein Konzert zu besuchen – so ging es mir genau ein Mal in der Vergangenheit, anno 2010 mit Status Quo, die als junge dynamische Vorgruppe die Spider Murphy Gang verpflichtet hatten.

Nun…entweder es ist Altersmilde oder Verrücktheit, jedenfalls gehöre ich nun auch zu „solchen Leuten“. Schuld an meinem Sinneswandel: natürlich Charlotte Wessels. Die hatte nach der „Dutch Clubtour“ 2022/2023 in eher kleineren Locations…Venues…warum fallen mir gerade nur englische Worte ein…also Veranstaltungsorte meine ich…gespielt und – nach der großen Album-Präsentation Oktober 2024 im TivoliVredenburg auf heimatlichem Geläuf (man, nicht jedes deutsche Wort ist so richtig passend) den nächsten logischen Schritt gemacht: Vorgruppe bei der Europatour einer bekannten Band. Wobei „bekannt“ im Auge des Betrachters liegt – Vola, eine dänische Band auf ihrer „Friend of a Phantom“-Tour war es in diesem Fall. Eine Band, die ich nur kannte, weil Charlotte in Hangouts öfter mal erwähnte, dass sie die ganz hervorragend findet (vor allem den Song „Head Mounted Sideways“). Im Gegensazu zu mir. Ich empfinde die Melodien und Songstrukturen als zu komplex und verkopft und gar nicht eingängig, auch wenn mir die Singstimme von Asger gut gefällt. Lange Rede kurzer Sinn: es war die Situation „nur zum Konzert wegen der Vorgruppe“.

Als rationaler Mensch kann man sich natürlich für solche Aktionen trotzdem logische Begründungen bauen. Z.B. dass das Konzert in München war und damit gegenüber der Fahrt nach Utrecht beim Fahrzeit-Musikzeit-Koeffizient ungefähr auf demselben Level liegt. Und ich war in München noch nie im Backstage, das einen besonderen Ruf hat. Und tatsächlich ist das Backstage sehr besonders: ein selten abgeranzter Laden, mit undurchsichtiger Parkplatzsituation, und mindestens drei widersprüchlichen Aushängen wie man beim Bezahlen des Parktickets zu verfahren hat – einheitlich war nur die Drohung, was für schlimme Sachen dem „Schwarzparker“ drohen. Nebst Schwierigkeiten beim Bezahlvorgang. Aber wie ich hörte, haben sie die Toiletten jüngst renoviert – ich verspürte nicht das geringste Verlangen, dieses Gerücht zu validieren.

Nun, ich war früh dran, also bin ich ein bisserl durch die Gegend gewandert. Hinter dem Backstage ist eine größere Gleisanlage der DB, wo der eine oder andere ICE geparkt ist, und wenn man weit genug läuft, stößt man auf eine schicke Riesenbaustelle für den Münchner Ring, die große Renovierungs- und Erweiterungsaktion der S-Bahn. Oder U-Bahn? Egal. Aber abgelegen genug, um die vorherige vergebliche Suche nach einer Toilette auf dem Backstage-Gelände außerhalb der Hallen zwecks Erleichterung zu nutzen. Das ganze Areal ist unglaublich unübersichtlich und besteht aus verschiedenen Hallen, mit einprägsamen Namen wie „Halle“, „Club“ oder „Werk“. Lagepläne suchte ich vergeblich, auch Beschilderung war eher sparsam. Am Ende sucht man in den Menschenmassen nach den richtigen Band-T-Sirts und hofft, dass die die richtige Richtung kennen.

Es wurde Zeit, sich anzustellen, und ich traf in der Schlange einen Bekannten vom letzten Charlotte-Utrecht-Gig bzw. dem nachfolgenden Hangover Hangout und so verging die Wartezeit schnell und entspannt. Und direkt beim Eintritt in die Halle wurden wir freundlich von Beardboy begrüßt, der den Merch-Stand bemannte. Ist es ein gutes Zeichen, wenn der Merch-Verkäufer Dich kennt? In diesem Falle schon, schließlich ist Beardboy der „multipurpose husband specimen“, der viele Talente hat – Technik-Manager und Bediener des Soundboards bei den Hangouts, Verkabelungsexperte im heimischen Studio und unterwegs auf Tour, Besenschwinger bei Paper-Streamer-Problematiken, talenterter Merch-Verkäufer. Ich ging jedenfalls aus dem Konzert mit zwei T-Shirts, einer tour-exklusiven Vinyl-Edition von „The Obsession“ sowie den kostenlosen Goodies für Patreon-Unterstützer. Well done, Mr. Beardboy.

Den musikalischen Anfang machte „The Intersphere“ – eine deutsche Prog-Rock-Band, die die undankbare Aufgabe hatte, mich von ihrem Liedgut beim ersten Anhören zu überzeugen. Ich muss sagen: mir hat es gefallen. Melodisch eingängig, und vor allem die (wenigen) Gesangspassagen mit drei Stimmen, das war wirklich qualitativ hochwertig, und gut gemischt vom Mann am Mischpult direkt hinter mir. 30 kurzweilige Minuten.

Danach folge Charlotte mit dem „Kurzprogramm“, einem 45min-Parforceritt durch das großartige „The Obsession“-Album. Ausreichend für 8 Songs, inklusive meiner Favoriten „Soft Revolution“ und „Vigor & Valor“, und zwischendrin auch noch Zeit, um das neue Merch-T-Shirt „I love crying“ standesgemäß anzuziehen und die Back-Story zu erklären. Gefolgt von der inzwischen schon gewohnt wundervollen Performance dieses besonderen Songs. Und natürlich fühlt sich so ein Kurzprogramm im Gegensatz zum The-Obsession-Premierenkonzert in Utrecht eben genau so an – kurz. Zu kurz. Aber trotzdem stellt sich am Ende eben das typische Nach-Charlotte-Konzert-Glücksgefühl ein. Einzigartig. Festzuhalten gilt auch, dass die Live-Performance stets wirkt, als machen da gute Freunde mit echter Begeisterung und Hingabe zusammen Musik. Wunderbar anzuschauen. Und anzuhören. Hier die Setlist zum Nachlesen.

Schließlich zum Abschluss der Main-Act Vola. Wenn es sich schon vorher in der Halle nach „ausverkauft“ angefühlt hatte: jetzt wurde es noch mal ein Stück voller und gedrängiger. Die Belüftung im Backstage hatte schon lange aufgegeben, für angemessenen Luftaustausch zu sorgen. Und was sagt das aus, wenn sich der geneigte Konzertgänger über die Belüftung beschwert? Richtig: die Musik hat mich einfach nicht „abgeholt“, wie es neudeutsch heißt. Schade. An der Performance von Vola lag es nicht, der Rest der Halle war absolut begeistert. Meins war’s nicht. Nur eine Anmerkung noch: zwischendrin schien es bei einigen Liedern so leichte a-ha-Vibes zu geben, was die Harmonien und die Keyboardarbeit und den Gesang angeht.

Nach dem Konzert gab es wie (fast) immer ein nettes Gespräch mit Charlotte (nachdem ich den Einkauf bei Beardboy erledigt hatte), die glaubhaft versicherte, wie sehr sie schätzt, wenn man den Support-Act supported. Eine ausgesprochen angenehme und entspannte Plauderei über die Platte, die Konzerte, das Touren als Support-Act. Sie ist einfach eine unglaublich nette Person. Angesprochen auf die weiteren Tour-Pläne in der Zukunft meinte sie, vielleicht noch eine Tour als Support-Act und dann hoffentlich eine eigene „Headline-Tour“. Ich verblogge dieses Konzert ja spät genug, um schon sagen zu können: Volltreffer. Masterplan.

Wer ein Review aus Sicht eines „normalen Konzertbesuchers“ (sprich: wegen Vola gekommen) lesen will, hier habe ich eines gefunden, zudem mit anständigen Fotos von allen drei Performances…äh…Darbietungen.

Im Nachgang gab es noch ein produktives Ergebnis der Vola-Charlotte-Verbindung: beim wunderbaren „Backup Plan“ hat Asger die männliche Singstimme beigesteuert, die im Original „Charlotte-mit-etwas-Elektronik-Magic“ war. Hier der Link zu YouTube.

Ich schließe mit einer (für mich) schlechten Nachricht: die 2027 geplante Headline-Tour von Charlotte wird die Band wieder nach München ins Backstage führen – und damit mich ebenfalls. Naja, dann bleibt ja noch Zeit, dass die Veranstalter dort einmal gründliche renovieren – also z.B. alles abreißen und neu aufbauen.

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